Verschwörungstheorien sind gefährlich



watch 24.05.2019

Verschwörungstheorien sind nach den Worten des Journalisten Bernd Harder alles andere als harmlos. Sie konstruierten Feindbilder und radikalisierten jene, die an sie glauben, sagte er am Donnerstag (23.5.2019) bei einem Workshop im Zentrum Oekumene der kurhessischen und der hessen-nassauischen Kirche in Frankfurt am Main. Teilweise riefen Verschwörungstheoretiker im Internet zur Gewalt auf, sagte Harder. Impfgegner etwa tauschten sich in Foren darüber aus, dass sie zur Waffe greifen würden, wenn jemand ihr Kind impfen wolle.

Der entscheidende Unterschied zwischen Verschwörungstheorien und kritischem Denken sei, dass erste nur scheinkritisch seien. Als Beispiel nannte er die Watergate-Affäre 1973, als die "Washington-Post"-Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein Lügen des US-Präsidenten Richard Nixon aufdeckten. Woodward und Bernstein hätten die Ergebnisse ihrer Recherchen ständig hinterfragt, erklärte Harder. Ein Verschwörungstheoretiker hingegen sehe sich immer im Recht.

Harder ist Mitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), die sich der Erforschung irrationaler und esoterischer Behauptungen widmet. Die GWUP hat ihren Sitz in Roßdorf bei Darmstadt und gibt die Zeitschrift "Skeptiker", heraus, deren Chefreporter Harder ist.

Psychisch kranke Menschen neigen laut der Sozialpsychologin Felicitas Flade von der Mainzer Gutenberg-Universität nicht häufiger zu Verschwörungsglauben als andere. Verschwörungstheoretiker seien auch nicht dumm. Allerdings gebe es durchaus Gruppen, die besonders dazu tendierten, beispielsweise dominanzorientierte oder rechtsautoritär denkende Menschen.

go to site "Verschwörungsgläubige wollen sich einzigartig fühlen", sagte Flade. Sie neigten zu Minderheitenpositionen. Außerdem gebe es einen Zusammenhang zwischen Verschwörungsmentalität und dem Gefühl, wenig Kontrolle über das eigene Leben zu haben. Da Menschen mit geringer Bildung häufig dieses Gefühl mangelnder Kontrolle hätten, mache sie das anfällig.

Antisemitismus funktioniere nicht ohne Verschwörungsglaube, analysierte Meron Mendel, der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. Im Gegensatz zu anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit - wie Rassismus oder Antiziganismus - richte sich Judenfeindschaft nicht gegen Schwächere, sondern gegen eine Gruppe, die man als mächtig empfinde.

Es gebe kein Rezept, wie man gegen Verschwörungstheorien argumentieren könne, sagte Harder, auch wenn bekannt sei, was diesen Glauben begünstige, nämlich kognitive Dissonanzen innerhalb von Menschen. Eine Möglichkeit sei es, gar nicht dagagen anzuargumentieren, sondern nur Fragen zu stellen. "Die Hoffung dabei ist, dass die Leute irgendwann merken, dass sie sich in Widersprüche verstricken", erklärte er. "Bei manchen funktioniert das, bei anderen nicht."

Die aktuelle Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung hatte im April erstmals die Einstellungen der Deutschen zu Verschwörungstheorien untersucht. Demnach glauben 46 Prozent der Befragten, geheime Organisationen hätten großen Einfluss auf politische Entscheidungen. Ein Drittel geht davon aus, das "dahinterstehende Mächte" Politiker steuerten, und fast ein Viertel ist davon überzeugt, Medien und Politik steckten "unter einer Decke".

Nils Sandrisser, epd

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